Stimme als Spiegel von…


… Gehirnfunktion

Der erste Schrei eines Neugeborenen liegt zwischen den Tonhöhen a und h *). Erfahrene GeburtshelferInnen achten auf seine Höhe und seinen Verlauf, weil bei starken Abweichungen von einer gewissen Norm ein Verdacht auf geistige Schäden besteht.

Schon allein Laute hervorbringen und Sprechen nimmt einen ganz zentralen Bereich des menschlichen Gehirns in Anspruch. Mehr noch: Wenn andere, an Laut und Sprache gar nicht beteiligte Gehirnregionen gestört sind, strahlen sie ab auf die Art der Töne und Laute, die ein Säugling bereits in den ersten Wochen seines Lebens von sich gibt.

Stimmen - Spiegel der Hirnfunktion

Die Laute und ihr Rhythmus, in dem sie erzeugt werden, können so zum Indiz für Hirnstörungen werden, und zwar auch für solche, die gar nicht direkt mit der Lautbildung und der Sprache zu tun haben, sondern vielmehr mit der allgemeinen Beweglichkeit oder den Reaktionen des Kindes auf bestimmte Reize.

*) http://www.kieferorthopaedie.ukw.de/zentrum-fuer-vorsprachliche-entwicklung-und-entwicklungsstoerungen/personen.html Prof. Dr. Kathleen Wermke leitet das Zentrum für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörung ZVES am Universitätsklinikum Würzburg und hat sich in interdisziplinären Forschungsprojekten vor allem mit der Entwicklung der Stimme im ersten Lebensjahr beschäftigt.

… von Körper und Psyche

Oft reicht schon das erste Hallo am Telefon und wir wissen, in welcher Verfassung sich unser Gesprächspartner befindet. „Stimme“ ist sinnverwandt mit „Stimmung“; Stimme ist also Ausdruck des Instruments – d.h. des menschlicher Körpers – und des Spielers – der psychischen Verfassung.

Was ist hörbare Schwingung?
Beim Anschlag einer Stimmgabel wird eine Schwingung mit einer klar definierten Wellenlänge erzeugt.
Beim Kammerton „A“ schwingt die Stimmgabel 440 mal in der Sekunde. Diese Schwingung versetzt die umgebende Luft in Bewegung. Die Luft dient als Trägermedium und transportiert die erzeugten Wellen vom Entstehungsort – den Zinken der Stimmgabel – durch den Raum.

Setzt man die Stimmgabel nun auf einen Resonanzboden, z.B. einen Tisch oder auf die eigenen Knochen, entsteht durch diese Verstärkung ein hörbarer Ton. Akustische Wahrnehmung benötigt außer der Luft als Trägermedium und einem Taktgeber – z.B. die Stimmgabel oder die Saite eines Instruments – also auch einen Verstärker. Dieser Verstärker ist z.B. der Instrumenten-körper oder – bei Blasinstrumenten – die im Instrument eingeschlossene Luftsäule. Der Ton lässt sich durch Verlängern oder Verkürzen der Saite bzw. durch Verändern der Luftsäule variieren.

Jedes Instrument hat einen bestimmten Tonumfang, der sich nicht unbegrenzt ausdehnen lässt.

Was schwingt in der menschlichen Stimme?
Die Stimmbänder sind der „Taktgeber“, mit dem die umgebende Luft als Träger in Schwingung versetzt wird. Gleichzeitig werden beim Sprechen und Singen das eigene Knochengerüst, die Körperflüssigkeit und die inneren Lufträume in Schwingung gebracht. Der Verstärker ist die im Körper eingeschlossene Luftsäule und das Material, das diese Luft einschließt: Knochen, Gewebe, Flüssigkeiten.

Die individuelle Zusammensetzung des „Verstärkers“ bewirkt die Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit einer Stimme. Aus diesen feinen Unterschieden bezieht die Stimmanalyse ihre Daten. In der Stimme schwingen unterschiedlichste Informationen: phonetische, morphematische, semantische, physikalische, chemische, anatomische, biographische…

Die Unverwechselbarkeit der Stimme ist begründet in der Beschaffenheit des Resonanzkörpers, der einmalig ist in Größe, Konsistenz, in seinen chemischen und physikalischen Eigenschaften.